Ich esse Fleisch, weil's schon immer so war!

Ich habe mich nun vor über vier Jahren entschlossen meinen Konsum von Lebewesen komplett einzustellen. In den Jahren zuvor konnte ich mein Gewissen mit: Bio-Tiere werden in hohem Alter zu Tode gestreichelt noch selbst belügen, das ging aber auf Dauer nicht gut. Aus dem Respekt gegenüber der Kreatur habe ich mich entschieden Vegetarier zu werden.

Ehrlich gesagt hatte ich es mir verdammt schwer vorgestellt auf die im Ofen gebackenen Rouladen, den leckeren Leberkäse vom Metzger Gruber und das Filet am Stück zu verzichten, da ich schon Genießer bin. Was allerdings deutlich schwieriger als der fleischliche  Verzicht war und ist, sind die Vegetarier Diskussionen, die mir seitdem immer wieder aufgezwungen werden.  

Irgendwann habe ich begonnen, meine omnivoren Mitmenschen in drei Kategorien einzuteilen: die Erste, dass sind  die intellektuell und empathisch  Schlichten, nicht in der Lage eine sinnvolle Konversation zu führen die länger als 30 Sekunden dauert und vertritt die Meinung: „Die [Tiere] werden doch zum Essen gezüchtet, dafür sind die doch da! Da hätten sie eben nicht Schwein oder Kuh werden sollen! Das ist mir egal wie das Fleisch ins Regal kommt, Hauptsache ist billig!“ Der Vorteil den diese Menschen für mich haben ist, dass ihre geistige Not so groß ist, das sie unreflektiert durchs Leben ziehen und das macht’s ihnen einfach. Mir in diesem Fall auch, denn ich werde in der Regel nicht weiter belästigt, manchmal muss man noch einen sinnfreien Witz oder Spruch (meistens kommt der Hitler Vegetarier Vergleich) ertragen aber dann ist es meist überstanden.

Die zweite Kategorie fühlt sich nur durch die alleinige Anwesenheit eines Vegetariers/Veganers ungeheuer provoziert. Jetzt wird’s für mich anstrengend! Denn jetzt wird das umfassende Halbwissen ausgepackt, denn man muss sich schließlich rechtfertigen und dem Vegetarier/Veganer zeigen, dass man seine Überheblichkeit, mit der er sich moralisch über die Fleisch essende Mehrheit stellt nicht akzeptiert.

Da gibt’s angeblich kein Protein in Pflanzen und es fehlen elementare Vitamine und Spurenelement, die es nur im Fleisch gibt! Geschenkt… kann man als eingefleischter RTL Gucker schon annehmen.

„Wusstest Du, dass für Dein Tofu jedes Jahr Millionen Hektar Regenwald abgeholzt und die Natur in den Tropen nachhaltig zerstört wird!“ Ja nee, is klar! Kann man drauf reinfallen, wenn man nicht weiß, dass 98% der Sojaproduktion für die Tiermast genutzt wird und dass Soja für Tofu meist aus ökologisch nachhaltigem Anbau stammt. Aber das steht eben nicht in der BILD.

„Tiere haben keine Gefühle und spüren keinen Schmerz!“ wird da behauptet und 10 Minuten später wird der Hund gekrault; „Ach isser nich süß, wie er das so genießt und sich gleich vor Freude auf den Rücken legt!“

Aber der absolute Oberhammer und schwere Hirnschmerzen bei mir verursachend, ist das so was von herbeikonstruierte Ereigniss mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit von 10 Meteoriteneinschlägen an der gleichen Stelle: „Was machst Du denn als Vegetarier, wenn Du auf einer einsamen Insel strandest auf der nur giftige Pflanzen wachsen?!“

Herr Gott ja! Das ist so weit weg von der Realität und nirgendwo wird mit einem Szenario ein Argument konstruiert das mehr hirnrissig sein könnte: Aha! Sie sind CDU Wähler? Was würde Sie machen, wenn die CDU nun einen genetisch geclonten Erich Honecker als Kanzlerkandidat aufstellen würde? Na!? Sollten Sie sich also noch mal überlegen, ob sie weiter CDU wählen, oder?

Ich bezweifle ja das es hilft aber sollte der einzigartige Fall eintreten, dass ich auf besagter Insel strande, auf der nur giftige Pflanzen wachsen und Tiere leben, die sich von den giftigen Pflanzen ernähren, gehe ich davon aus, dass ich ab einer gewissen Hungerschwelle anfangen würde die Tiere auch zu essen um dann nach einiger Zeit an Mangelernährung zu sterben…

 

Die dritte Kategorie ist die: „Das will ich gar nicht Wissen-Kategorie!“ Oft Menschen mit größer ausgeprägter Empathie und einem Gewissen, das sich aber doch irgendwie beruhigen lässt. Was ich nicht weiß macht mich nicht heiß! „Ich finde es toll, dass Du Vegetarier bist! Ich habe auch schon mal probiert nur noch Hühnchenfleisch zu essen und hab das auch zwei Wochen ausgehalten! War gar nicht so schlimm!“

Sie schalten weg, wenn im Fernsehen Reportagen laufen, in denen gezeigt wird, wie Küken geschreddert werden oder ein Wiesenhof Mitarbeiter die Hühner mit dem Stiefel zu Tode tritt. Ihnen graut es davor, zu sehen, wie es in den Fleischfabriken  und Schlachthöfen aussieht, die das produzieren, was dann unter Folie abgepackt und anonymisiert im Supermarktregal liegt. Und sie würden es wahrscheinlich auch nicht übers Herz bringen selbst ein Tier töten.

Oft sind das auch die Wenig-Fleisch-Esser oder Bio-Fleisch-Käufer. Sie empfinden auch eine gewisse Sympathie für Vegetarier, scheuen aber die Diskussion aus Angst vor der Konfrontation mit dem eigenen Gewissen und den drastischen Bildern. Realität wird verdrängt.

 

Aber jetzt mal ehrlich! Denkt ihr wirklich ich halte alle Fleischesser für doof? Ich war jahrelang selbst einer und will nicht behaupten, dass meine Intelligenz mit dem Verzicht auf Fleisch gestiegen ist! Es hat mir aber geholfen etwas mehr darüber nach zu denken….

Fleisch gehört doch zu unserem Leben und unserer Zivilisation, oder? Schließlich hat Fleisch Tradition und wir essen schon seit vielen hunderttausend Jahren Fleisch und das ist ganz natürlich das Menschen Fleisch essen. Und eine vegetarische oder gar vegane Lebensweise ist doch absolut unnatürlich!

Ja klar, wir haben auch Jahrtausende lang in ungeheizten Höhlen gelebt, bis einer rausgefunden hat das es Vorteile hat ein Behausung mit einem Ofen zu bauen. Voll unnatürlich so ein Haus mit Heizung! Und wir sind Jahrtausende lang nackt rumgelaufen, bis die Menschen entdeckt haben das Kleidung schützt und warm hält. Aber voll unnatürlich diese Kleidung. Und die zivilisierten Römer empfanden es als natürlich, das in Arenen Menschen abgeschlachtet werden um andere zu belustigen. Voll unnatürlich das wir uns heute im Fernsehen keine Shows anschauen, in denen sich Gladiatoren gegenseitig töten…

Wir sollten uns bewusst darüber sein, dass die Menschheit einem evolutionären Entwicklungsprozess unterworfen ist, der nicht nur unser Denken, Handeln, unsere Einstellung sondern auch unseren Lebensweisen immer wieder verändert oder beeinflusst. Was vor einhundert Jahren noch als Gott gegebene Natürlichkeit hingenommen wurde ist heute unter Umständen überholt.

 

Ich bin für mich zu dem Schluss gekommen das es nicht natürlich sein kann, dass wir Tiere zu abertausenden unter schrecklichsten Bedingungen produzieren um sie dann mit möglichst großem Profit aber doch zu einem Preis, den sich selbst sozial benachteiligte Bevölkerungsschichten leisten können, in den Handel zu bringen.

Es geht nicht darum die Menschheit von heute auf morgen zur fleischlosen Lebensweise zu bringen. Das wäre genau so utopisch, wie die USA in der nächsten Legislaturperiode in ein kommunistisches System umzuwandeln. Es geht darum das immer mehr Menschen anfangen nachzudenken und das System zu hinterfragen und das sich dadurch ein Prozess in Bewegung setzt der in der Zukunft unseren Umgang mit der Kreatur verändert.

 

Und, ein Boykott des bestehenden Systems ist nicht unsozial, wie uns Christan Schmidt (Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, CSU, Fleischlobbyist) weiß machen will. Die Aussage: „Nicht jeder kann sich ein Huhn für 25 Euro leisten!“ geht davon aus, dass nicht alle sozialen Schichten ihren Fleischkonsum auf gleich hohem Niveau halten können, wenn sich bei der Haltung und „Produktion“ von Tieren etwas ändert. Es ist klar das ein Hartz IV Empfänger nicht so viel Kohle hat um seinen Fleischkonsum von heute auf morgen auf Bio umzustellen. Ich kann mir bei meinem aktuellen Gehalt auch nicht jedes Jahr einen Porsche kaufen aber wenn ich entsprechend lange dafür spare ist es möglich. Die Frage die sich mir stellt ist, ob es ein Grundrecht ist, täglich möglichst viel Fleisch konsumieren zu können, ohne auf die damit verbundenen Bedingungen zu achten und die Substanz unseres Planeten für die folgenden Generationen nachhaltig zu schädigen?

 

 

 

 

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