Zensur und wie schreibe ich einen Artikel ganz ohne Recherche

Der deutsche Ableger der linksliberalen Onlinezeitung Huffington Post versteht sich als „Debattenplattform für alle Perspektiven“. Ein Pool von Redakteuren, freien Autoren und Bloggern liefern Textbeiträge oder arbeiten den komplexeren Content von Drittanbietern, für die kognitiv suboptimierte Leserschaft, neu auf. 

Die Headline, oft provokativ – meist im Format einer Feststellung, wird später im einfach gehaltenen Text relativiert. Das ist BILD Zeitungsniveau, nur mit etwas mehr Text.

 

Mit der anhaltenden Problematik der Flüchtlingskrise, konzentriert man sich natürlich auch bei der Huffington Post verstärkt auf das Thema und versucht gute Stimmung zu verbreiten. So wird, wie allgemein üblich, Willkommenskultur propagiert und unkritisch berichtet. Geschenkt! Das ist der Tenor, den gut 90% der deutschen Medienlandschaft seit dem Sommer verbreitet. 

 

Um es mal in der Sprache der Huffington Post zu sagen: Was dann passierte werden sie nicht glauben! Da schreibt doch der Gastautor und Musikwissenschaftler Dr. Klaus Miehling tatsächlich einen Artikel, der die Politik der Bundesregierung im Umgang mit der Flüchtlingsfrage kritisiert. Formuliert als Anklage, fast der Schrei eines Verzweifelten – jedoch weder radikal noch propagandistisch und schon gar nicht hetzerisch. Vielleicht sachlich  nicht immer korrekt aber bitte, das sind mehr als die Hälfte der hier veröffentlichten Texte nicht. Alle Achtung! Ich hätte nicht erwartet auch mal etwas kritisches zu lesen!

Prima, das nimmt den „Lügenpresse – Rufern“, jene, welche die deutsche Presselandschaft als zensiert, einseitig und propagandistisch bezeichnen den Wind aus den Segeln. Und schließlich bezeichnet sich die Huffington-Post als „Debattenplattform für alle Perspektiven“.

Und Debatte ist ja schließlich ein Streitgespräch, das bestimmten formalen Regeln folgt und auch kontrovers sein muss. Das wird hier gelebt. 

Doch was dann folgt, ist einer offenen und unabhängigen Presse unwürdig. Unter der Überschrift: „In eigener Sache: Dieser Text hätte so nicht erscheinen dürfen“, rechtfertigt Sebastian Matthes, Chefredakteur der Huffington Post, die Löschung des Artikels und entschuldigt sich sogar für die Veröffentlichung eines offenkundig politisch nicht korrekten Textes. 

 

Medien – und gerade solche, die von einer großen Zahl von Lesern konsumiert werden, haben eine primäre Aufgabe: Fragen nachzugehen und Antworten zu suchen, auch wenn diese kontroverse Meinungen widerspiegeln, so muss dies eine offenen Presselandschaft in einer demokratischen Gesellschaft ertragen! Doch was da abläuft ist der absolute Kontrollverlust und zeigt die perverse Struktur dieser Debatte! 

Wie trefflich schreibt Roland Tichy: „Bekenntnisjournalismus treibt Behauptungen vor sich her wie der Schweinehirt die Herde. Zurück bleibt ein übler Geruch.“

Kognitive Dissonanz bezeichnet diesen Zustand wohl am besten, der unangenehme Gefühlszustand, wenn die Wahrnehmung von Wünschen, Absichten oder der Einstellung abweicht.

 

Ein treffliches Beispiel des weiteren medialen Versagen der Huffington Post liefert der am 23.09.2015 erschienen Beitrag eines anonymen Autors: „Libyscher Flüchtling bedroht sächsische Kassiererin mit Machete - was hinter dieser Geschichte steckt, ist UNGLAUBLICH

Hinterfragen, recherchieren, ausgewogen kommentieren sind die Werte des Journalisten. Doch der anonyme Autor rennt, vermeintlich auf der richtigen Seite stehend, in sein eigenes Messer. Denn frei von jeglicher Recherche resümiert er: 

 

„Autsch! Dass Ausländerfeinde nicht sonderlich viel in der Birne haben, ist hinlänglich bekannt. Aber jetzt hat sich der Blogger Michael Stürzenberger und das radikalen-Netzwerk PI-News einen epischen Fail geleistet.“

Begleitet wird Stürzenbergers Text von einem Link zu einem seiner Artikel auf der islamfeindlichen Seite PI-News und einem Foto von einem Machete schwingenden, irre aussehenden Mann. Und, jetzt kommt’s — aber lassen wir der Huffington Post das Vergnügen, den „epischen Fail“ zu beschreiben:

 

„Sein Gesicht war unkenntlich gemacht. Das Problem nur: Das Bild ist ein Stil [sic!] aus einem Film. Es zeigt den Schauspieler Danny Trejo in dem Streifen „Machete“ aus dem Jahr 2010…

 

Soviel zur Bedrohung durch die Flüchtlinge…“

 

Das UNGLAUBLICHE, das hinter dieser Geschichte steckt, ist also, so suggeriert es die Huffington Post: nichts. Dumme Nazis erfinden dumme Nazi-Geschichten, die dumme Nazis glauben.

 

Das Problem ist nur: Das Foto ist zwar ein albernes Symbolfoto (weshalb auf der verlinkten Seite von PI-News nach dem ersten Absatz auch „Foto Symbolbild“ steht). Der Vorfall mit der Machete aber scheint wirklich passiert zu sein. 

 

Ihr Anfang ist hier im Polizeibericht nachzulesen. Der MDR schildert sie so:

 

„Zum ersten Vorfall kam es nach Angaben der Polizei bereits am Freitagmittag. Demnach hatte ein Ladendetektiv zwei Männer beim Diebstahl erwischt. Daraufhin sei der Mitarbeiter von den mutmaßlichen Ladendieben angegriffen worden. Nachdem die Männer zunächst flüchteten, seien sie wenig später mit Pfefferspray und dem Augenschein nach auch mit einer Machete in den Laden zurückgekehrt und hätten die Supermarkmitarbeiter bedroht.

 

Während sich einer der beiden Männer von zwischenzeitlich alarmierten Polizisten ohne Gegenwehr festnehmen ließ, ging der mutmaßlich bewaffnete Mann auf einen Beamten zu. Der Polizist gab einen Warnschuss in die Luft ab. Der Tatverdächtige warf mit Steinen auf die Polizisten und flüchtete.

 

Am Sonnabend kehrte der 27-jährige inzwischen aus dem Polizeigewahrsam entlassene verdächtige Ladendieb wieder in den Supermarkt zurück. Als man ihn des Hauses habe verweisen wollte, habe der Mann eine Mitarbeiterin bedroht. Nach Angaben der Polizei führte er dazu eine „Geste des Kopfabschneidens“ aus. Auf dem Parkplatz soll der 27-Jährige dann ein Messer gezückt haben. Anschließend flüchtete er.“

 

Die Zeitung „Freie Presse“ berichtet unter Berufung auf die Polizei, dass es sich bei dem vorübergehend festgenommenen 27-Jährigen um einen Asylbewerber aus Libyen handele. Sie zitiert auch den SPD-Oberbürgermeister der Stadt, der sich empört darüber zeigte, dass der Mann auf freien Fuß gesetzt wurde. 

 

Ausländerfeinde erkennt man daran, dass sie solche Einzelfälle verallgemeinern und instrumentalisieren. Man bekämpft sie nicht dadurch, dass man bestreitet, dass es solche Fälle gibt. Wenn man es tut, liefert man ihnen nur noch mehr Munition.

 

Der anonyme Autor hätte mit wenigen Minuten Online-Recherche herausfinden können, dass hinter dem Symbolfoto eine im Kern wahre Nachricht steckt. Und unter dem Artikel stehen Kommentare von Leuten, die die „Huffington Post“ zwar womöglich demnächst wieder als „Hassfratzen“ an den Pranger stellen kann, die aber mit ihren Hinweisen nicht unrecht haben, dass der Vorfall in der regionalen Presse hinreichend dokumentiert sei. 

 

„Dass Ausländerfeinde nicht sonderlich viel in der Birne haben, ist hinlänglich bekannt“,

 

schreibt die „Huffington Post“. Der Satz wendet sich mit Wucht gegen sie selbst.

 

Es scheint, als ob nichts von den journalistischen Basiswerten übrig geblieben ist, jedenfalls in den allermeisten Fällen. Es wird blind propagiert.

 

Dabei gilt doch: Nichts ist so wichtig wie die Wahrheit - oder zumindest die ehrliche Suche danach. Die Suche wäre das Gegenteil von Propaganda. Aber davon ist nichts mehr zu spüren. Allerdings spüren auch die Leser und Zuschauer, dass die mediale Spielzeugwirklichkeit nicht mehr mit ihrer Lebenswirklichkeit übereinstimmt.

 

 

Nein, die Medien haben sich keinen guten Dienst damit erwiesen, diesmal einseitig und eindeutig Partei ergriffen zu haben, für die vermeintlich, ebenso wie für die tatsächlich Schwachen. Sie haben die kognitive Dissonanz verstärkt - und werden in Zukunft mit noch mehr Vertrauensverlust bestraft.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0