Europa

Wir erleben derzeit den Anfang vom Ende des europäischen Traums. Das Blutbad, das islamistische Terroristen in Paris anrichteten, wird diesen Prozess nur noch beschleunigen. Begonnen hatte sie schon in den vergangenen Wochen und Monaten, als quer durch Europa die Schlagbäume runtergingen und Stacheldrahtzäune errichtet wurden. Wer jetzt noch glaubt, die Suspendierung des Schengenabkommens werde eine temporäre Maßnahme sein, dürfte sich einer Illusion hingeben, nachdem nun auch Frankreich seine Grenzen wegen der Terrorgefahr dicht machte.
Die unbequeme Wahrheit ist, dass niemand in Europa weiß, wie viele Menschen hier angekommen sind in den vergangenen Monaten und Jahren, dass wir nicht wissen, wer hier ist und dass sich unter denen, die hier leben, viele befinden, die erklärte Todfeinde unserer Gesellschaft sind, denen unsere Lebensart, samt Demokratie, Meinungsfreiheit, Säkularismus und Gleichheit von Mann und Frau, zuwider sind.
Wir hätten es eigentlich schon lange wissen können, etwa nach dem Massenmord in London im Juli 2005, nach Charlie Hebdo im Januar dieses Jahres, nach vereitelten oder gelungenen Terroranschlägen quer durch unseren Kontinent.
Es steht zu befürchten, dass Paris nicht das letzte düstere Kapitel bleiben wird. Mit weiteren Versuchen muss gerechnet werden und leider auch damit, dass irgendwann selbst der verstärkte Sicherheitskordon, der jetzt vorsorglich überall errichtet wird, das nicht verhindern kann. Daran besteht kein Zweifel.
Der Zusammenhalt in der EU ist noch fragiler

Den europäischen Gesellschaften fällt es dabei immer noch, selbst nach nun fast zwei Jahrzehnten des islamistischen Terrors schwer, die Motive ihrer Todfeinde zu verstehen. Rational organisierte Staaten des Westens, von der Aufklärung geprägt und gewohnt, in ökonomischen Kategorien zu denken, vermögen nicht das Ausmaß des Hasses zu begreifen, das ihnen entgegen schlägt.
Unter uns leben Tausende zorniger, junger Muslime, bereit, in den Heiligen Krieg ziehen. Sie sind überzeugt davon, dass Muslime überall gedemütigt und unterdrückt werden. Sie wollen Frankreich wie andere Staaten Europas in islamische Republiken verwandeln. Infiziert vom giftigen Virus, erst Al-Kaidas, jetzt IS, sind sie bereit, ihr Leben als Selbstmordbomber zu opfern. Versuche, ihre Taten durch Armut oder Ausgrenzung zu erklären, greifen zu kurz. Viele der jungen Muslime, die in den letzten Jahren nach Syrien in den Krieg zogen, stammen aus gut betuchten Verhältnissen, studierten oder hatten einen gut bezahlten Job. Andere kommen aus den oft kriminellen Unterschichten.
Ihre Ideologie ist der des Kommunismus ähnlich, politisch, sozial und unspirituell, strebt sie nach der Herrschaft in dieser Welt. Darin gleicht sie dem Kommunismus, dem es genau darum geht. Aber da bleibt ein Unterschied: Die linken Utopisten traten bei aller Perversion des Denkens im Namen der Aufklärung und Befreiung des Individuums an. Der politische Islamismus ist die erklärte Ablehnung der modernen Welt, samt ihrer emanzipatorischen Seiten.
Wo lässt das Europa? Klar ist, das der Zusammenhalt in der EU, der zuletzt bereits spürbar bröckelte, noch fragiler ist. Die Neigung wird wachsen, sich angesichts der Bedrohung in die Geborgenheit des Nationalstaates zurückzuziehen. In Großbritannien verspüren die Gegner der EU, die für den Austritt plädieren, Aufwind. Schon angesichts der Flüchtlingströme aus Afrika und dem islamischen Asien war die Stimmung auf der Insel deutlich skeptischer geworden und wird es Cameron noch schwerer machen, sein Volk von den Vorzügen eines Verbleibs in der EU zu überzeugen. Aber noch ist nicht alles verloren. Aus der Gefahr kann auch eine Chance erwachsen. Europa wird seine Neigung zu wolkigen Illusionen reduzieren und realistischer werden, worauf das Ende von Schengen hindeutet, aber auch die Einsicht, den Kampf gegen seine Todfeinde nicht allein Amerika oder Russland zu überlassen. Die Briten hatten sich den wolkigen Projekten wie Euro und Schengen von Beginn an verweigert, sie können sich darin bestätigt fühlen. Was ihnen es vielleicht doch erleichtert, ihre Vorbehalte gegen die EU zu überwinden. Es wäre ein Gewinn für beide Seiten.